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6.2 Tanzen

Der Umfang und die Vielseitigkeit dieser Rubrik spiegelt die Fülle an Tanzformen und Tanzanlässen. Tanzen kann Ritual, Brauchtum, Kunstgattung oder einfach Gefühlsausdruck sein. Es reicht vom Volkstanz über den Gesellschaftstanz bis zum Showtanz; man tanzt allein, in Paaren oder in Gruppen, im Kreis oder in der Reihe, im Ballsaal oder im Freien …

Der Ball war für gehobene Gesellschaftsschichten ein wichtiges Element des »Heiratsmarktes«. Lange bereiteten sich die jungen Damen auf ihren ersten Ball vor, auf dem sie als »Debütantinnen« erstmals als erwachsene, heiratsfähige Personen auftreten würden (6_2-005). Denn alle Augen waren auf sie gerichtet, wenn sie den Ball mit dem ersten Tanz eröffneten, meist der feierlich geschrittenen Polonaise (6_2-008). Das Tanzen auf einem Ball war gewissermaßen zwischen Konvention und Leidenschaft angesiedelt: Einerseits war es strikten gesellschaftlichen Normen unterworfen, was etwa die Kleidungsvorschriften mit Ballkleid und Frack oder das ritualisierte Auffordern zum Tanz (6_2-004, 6_2-055) betraf, andererseits ermöglichte das Tanzen der jungen Generation erste vertrauliche Berührungen. Der Ball war auch das Terrain, wo festliche Mode und teurer Schmuck präsentiert wurden (6_2-013 bis 6_2-015md); Flanieren, Sehen und Gesehenwerden waren daher mindestens ebenso wichtig wie das Tanzen (6_2-056).

Während im höfischen Tanz durch die formelle Handhaltung und das Tanzen offener Figuren noch eine größere Distanz zwischen den Tanzpartnern herrschte (6_2-001, 6_2-002, 6_2-002m), förderte der Wiener Walzer, der das aristokratische Menuett als maßgebenden Gesellschaftstanz verdrängte, durch seine enge Tanzhaltung Vertrautheit und Nähe zwischen den Partnern. Tanzen als Möglichkeit, seine Liebe auch ohne Worte auszudrücken, ist deshalb ein wichtiges Thema der Karten (6_2-006, -010, -011md). Zugleich vermittelte die Verbindung aus Bewegung und gleichzeitigem Musikgenuss den Tänzern ein bestimmtes beseligtes Lebensgefühl: »Mag auch die Welt vergeh’n, ich muss im Walzer mich drehn« (6_2-006z, 6_2-007). Während der Walzer in seinen Anfängen aufgrund der ständigen Berührung der Paare als »unzüchtig« verpönt war, gewann er durch den Wiener Kongress 1814/15 offizielle Akzeptanz und wurde durch die Kompositionen insbesondere der Strauß-Familie zur respektierten Gattung. In der Wiener Operette gegen Ende des Jahrhunderts stand der Walzer im Zentrum (6_2-006, -011, -017).

In den Jahren nach der Weltausstellung in Paris (1899) kamen die sogenannten »modernen Tänze« aus Übersee nach Europa, und nach dem Ersten Weltkrieg machten die neuen, zündenden Rhythmen der Vorherrschaft des Wiener Walzers ein Ende (6_2-019 bis -033): Zunächst die Modetänze Cakewalk und Ragtime, One- und Twostep, aus denen sich der Foxtrott (6_2-022 bis -025) entwickelte, sowie der Tango (6_2-029 bis -032), den Reisende um 1910 aus Buenos Aires nach Paris gebracht hatten. In den Zwanziger Jahren spielten der Langsame Walzer und der Charleston (6_2-033, -071) eine wichtige Rolle.

Deftig und ausgelassen geht’s zu beim Feiern auf dem Lande (6_2-035, -038, -049) und bei Kostümfesten (6_2-037, -065). Vornehmer und gesitteter ist dagegen der Maskenball, bei dem die Damen nur mit Gesichtsmaske erscheinen und die Herren unkostümiert in Frack oder Uniform (6_2-005m). Eine gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgekommene Form des Kostümfestes war der Gesindeball, bei dem die Teilnehmer sich als Dienstboten verkleideten (6_2-036).

Zahlreich sind die Abbildungen von Volkstänzen aus dem bayrisch-österreichischen Raum, hier vor allem der beliebte Schuhplattler, ursprünglich ein Werbetanz. In den Zwanziger Jahren wurde dieser Paartanz zum Schautanz umgeformt und auf »Tirolerabenden« im In- und Ausland präsentiert. Reizvoll sind auch Darstellungen folkloristischer Tänze aus anderen Ländern, bei denen insbesondere die traditionelle Tracht präsentiert wird (6_2-070, 6_2-032a).

Ritualisiertes Tanzen drückt Zusammengehörigkeit aus, so beim »Schäfflertanz«, dem traditionellen Festzug der Fassküfer durch München (6_2-074), der der Legende nach zuerst während einer Pestepidemie aufgeführt wurde, um das öffentliche Leben wieder in Gang zu bringen. Bei religiösen Tanzritualen wie der »Echternacher Springprozession« (Luxemburg; 6_2-077m, -077mn) werden Heilige geehrt oder auch böse Geister oder Krankheiten abgewehrt. Auch der seit dem 12. Jahrhundert belegte Brauch des Tanzes um das Johannisfeuer sollte böse Dämonen abwehren (6_2-043).

Als Kunstform dient der Tanz dazu, Gefühle und Handlungen bildlich darzustellen. Während das klassische Ballett dem Zuschauer vor allem formvollendete Tanzbewegungen und die Eleganz des menschlichen Körpers vor Augen führt – was auch mal zum verbotenen Blick hinter die Kulissen reizt (6_2-044, 6_2-061) –, dient der als Gegenbewegung entstandene Ausdruckstanz vor allem der individuellen, kreativen Darstellung. Mit dem Expressionismus stand der Ausdruck des persönlichen Erlebens im Mittelpunkt, der auch eigenwillige, bizarre Bewegungen einschloss (6_2-003m). Pioniere des Ausdruckstanzes waren u. a. Gertrud und Ursula Falke in Hamburg (6_2-012).

Schließlich sind noch die Showtänze zu erwähnen, unter denen der Cancan zu den bekanntesten gehört (6_2-003). Dieser Bühnenschautanz mit den typischen hohen Beinwürfen und Spagatsprüngen wurde vor allem in Varietés, Cabarets und Revuetheatern aufgeführt. Eine berühmte Cancan-Tänzerin war die aus Australien stammende Saharet (6_2-045).
(Friederike Ramm)

Literatur: Friedemann Otterbach: Einführung in die Geschichte des europäischen Tanzes. Ein Überblick, 2. Auflage, Wilhelmshaven 2003; Heinz Pollak, Die Revolution des Gesellschaftstanzes, Dresden 1922.

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204 Bilder, letzte Aktualisierung am 08.Juli 2015