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5.1.1 Solo am Klavier

»Die Frau am Klavier« ist ein beliebtes Motiv in der Interieurmalerei um die Jahrhundertwende. Denn nicht nur das Klavier war wirtschaftliches Erfolgsmerkmal und Bildungsattribut, auch die das Instrument spielende Frau war ein Statussymbol. Anders als ihre Schwestern aus den unteren Schichten konnte die bürgerliche Frau zu Hause bleiben, während der Mann allein für den Unterhalt sorgte. Und sie konnte sich der Kunst widmen, weil Bedienstete ihr die Hausarbeit abnahmen (siehe die humoristische Darstellung des sich im herrschaftlichen Salon auf den Tasten versuchenden Dienstmädchens 5_1-025). Zudem implizierte die Frau am Klavier, dass auch Geld für Unterricht und Noten vorhanden war. So nimmt es nicht wunder, dass die Frau, nicht selten als Rückenfigur abgebildet, oft wie ein Teil des repräsentativen Interieurs erscheint. Während die Instrumente mit allerlei Einlegearbeiten oder Schnitzereien geschmückt sind, zeugt bei ihr auch die Kleidung von materiellem Wohlstand (5_1_1-010, -008m).

Dass das Klavier den Frauen zugeteilt wurde, lag auch daran, dass die Körperhaltung beim Spielen dem bürgerlichen Benimmkodex entsprach: Die Beine waren geschlossen und bedeckt, die Körperhaltung gerade und elegant, der Gesichtsausdruck ruhig und allenfalls etwas verinnerlicht. In der Ende des 18. Jahrhundert entbrannten Auseinandersetzung über passende Instrumente für die Frau hatte man befunden, dass das Klavier einer Frau »am besten steht«.

Außerdem schien das Klavier auch deswegen für die bürgerliche Frau und insbesondere für die »höhere Tochter« besonders geeignet, weil es wie kaum ein anderes sich selbst genügte, denn Klaviermusik ist ganz überwiegend Solomusik. So hatte die Frau, während sie auf den häuslichen Bereich eingeschränkt blieb, doch eine eigene, befriedigende Tätigkeit (5_1_1-008). Dass die junge Frau dabei durchaus auch ins Träumen geriet und ihre Gedanken in die Ferne schweiften, deutet auf vielen Abbildungen das geöffnete Fenster an (5_1_1-018, -019, -20, -21, -25, -28). Das Fenster ist Schnittstelle zwischen Innen und Außen, das »Draußen«, die Ferne wird so in den Innenraum mit hereingeholt – oft intensiviert durch einfallende Sonnenstrahlen und den durch Lufthauch bewegten Vorhang. Ob die Sehnsucht »ihm« gilt (5_1_1-019, -025, -028), fernen Ländern oder vielleicht der eigenen Freiheit – das geöffnete Fenster lässt den eleganten Salon in jedem Fall ein wenig als »goldenen Käfig« erscheinen. Daher gab es auch Stimmen, die im Klavierspiel eine Gefahr sahen, da es einer Neigung zum Abheben in eine realitätsfremde Traum- und Phantasiewelt Vorschub leiste und von den alltäglichen Pflichten ablenke.

Ein Ziel im Erziehungsprozess junger Mädchen war dagegen, durch das tägliche Üben Selbstdisziplin und Ausdauer zu fördern, und insofern war das Klavierspiel auch ein Zeichen für den Charakter einer heiratsfähigen jungen Frau. Der Salon war der Ort, in dem die bürgerliche Tochter bzw. ihre Eltern sich nach einem Ehemann umsehen konnten. Und umgekehrt bot das Klavierspiel den Männern die Möglichkeit, die jungen Frauen ungeniert in Augenschein nehmen zu können (siehe die herausgeputzte junge Frau am Klavier 5_1_1-013 bis -015). Beim Vorspiel hatten die jungen Frauen sich mit leichten Stücken, mit Salonmusik, zu begnügen und es war üblich, immer nach Noten zu spielen. Auswendiges Spielen hätte bedeutet, dass nicht nur reproduziert, sondern interpretiert wird, entsprechend war auch der Ausdruck starker Gefühle verpönt.

Dennoch sind, mit zunehmender Professionalisierung des Konzertwesens, aus den »höheren Töchtern« im Einzelfall Konzertpianistinnen (häufiger: Klavierlehrerinnen) hervorgegangen, die sich gedankenverloren am Instrument oder in Künstlerpose präsentieren (5_1_1-001 bis -004).
(Friederike Ramm)

Literatur: Stefana Sabin: Frauen am Klavier. Skizzen einer Kulturgeschichte, Frankfurt a. M. und Leipzig 1998; Dieter Hildebrandt: Pianoforte. Der Roman des Klaviers im 19. Jahrhundert, Kassel/München 2002.

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51 Bilder, letzte Aktualisierung am 20.Juli 2015