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2.1.1 Paul Hey: Volksliedkarten

Der in München geborene Maler, Graphiker und Illustrator Paul Hey (1867-1952) gilt als einer der populärsten und produktivsten Künstler in der Zeit der Wilhelminischen Ära. Heys hoher Bekanntheitsgrad basierte vor allem auf seinen unzähligen Illustrationen von Zeitschriften, Schul-, Märchen- und Kinderbüchern, Sammelbildern sowie Bildpostkarten. Überdies umfasst sein Werk eine Reihe von Aquarellen, Gouachen, Lithographien und Ölgemälden.

Nach der Beendigung seines Studiums an der Münchener Kunstakademie und der Entlassung aus dem Militärdienst arbeitete Hey seit Mitte der 1890er Jahre als selbstständiger Künstler. Seine Karriere zum beliebten und anerkannten Gebrauchsgrafiker wurde entscheidend durch die stetige technische Verfeinerung moderner Druckverfahren in Form der Farblithographie geprägt. Diese vergleichsweise kostengünstige Reproduktionstechnik hielt Einzug in den Alltag: bei der Herstellung von Verpackungen, Briefmarken, Plakaten, Sammelbildern und nicht zuletzt bei der Produktion von Bildpostkarten, dem modernsten und beliebtesten Massenmedium zur Zeit des deutschen Kaiserreichs. Die in der Bevölkerung existierende rege Nachfrage nach ganzen Kartenreihen zu Themen des Jahres- und Lebenslaufes, nach Heimat- und Städtebildern, Märchen- und Volksliedserien sowie Darstellungen des Handwerker- und Soldatenlebens bot jungen Künstlern wie Hey eine schnelle und sichere Erwerbsmöglichkeit und verschaffte ihnen einen gewissen Wohlstand.
Heys Volksliedillustrationen nahmen einen nicht unerheblichen Teil seiner Arbeit ein. Neben einer Anzahl von Liederbüchern erzielte er einen beträchtlichen Erfolg mit Illustrationen von Volksliederkarten, die er von etwa 1915 an für den in Berlin ansässigen »Verein für das Deutschtum im Ausland« (vgl. Rubrik 2_1_1_1) anfertigte. Diese Liedpostkarten teilen in der Regel keine vollständigen Texte oder Melodien mit, sondern führen entweder den Eingangsvers oder mehrere Verse auf, die meist auf einer Bordüre (z.B. 2_1_1-023m) dargestellt sind. Das Verständnis der Kartenillustration erschließt sich dem Betrachter oft erst mit Wissen des gesamten Liedtextes, welches vom Künstler oder den Auftraggebern voraus gesetzt wird. Das Bild zum Schwäbischen Volkslied »Drunten im Unterland« (2_1_1-028) etwa zeigt einen Holzarbeiter, dessen Blick ins tiefer gelegene Neckartal schweift. Der Bildinhalt, die Sehnsucht nach einem Leben im reichen und glücklichen Unterland, lässt sich mit der Kenntnis des Textes intensiver nachempfinden.

Charakteristisch für die Kartenvorlagen Paul Heys sind die zahllosen Landschaftsmotive, welche in idealisierter Form wiedergegeben wurden. (z.B. 2_1_1-001, -054). Seine Heimatbilder zeigen vor allem vorindustriell-bäuerlich geprägte Landschaften, in denen moderne zivilisatorisch-technische Errungenschaften der Industrialisierung wie Strommasten, motorisierte Transportvehikel, Maschinen oder Fabrikschlote nicht zu finden sind. In dieser teils verklärten »heilen« Welt überwiegen altertümlich und märchenhaft erscheinende Dörfer in einer Landschaft aus weiten Grünflächen, Wäldern oder Äckern. Bei strahlendem Sonnenschein tanzen schmuck und farbenfroh gekleidete Kinder ausgelassen auf blühenden Wiesen (2_1_1-003a). Die dargestellten Personen genießen Zärtlichkeit und Zweisamkeit (2_1_1-020, -046m), versinken in Kontemplation und Naturbetrachtung (2_1_1-030m, -065, -066), nehmen sich Zeit für Gespräche (2_1_1-074, -075), rasten während ihrer Wanderschaft in der Natur (2_1_1-013) oder sitzen gesellig unter freiem Himmel und lauschen dem Spiel der Laute oder Gitarre (2_1_1-029, -033). Müßiggang ist insgesamt ein häufig verwendetes Motiv.

In Heys Ansichten finden sich nicht nur frei erdachte, sondern auch konkrete Landschaften, sofern in den zu illustrierenden Liedervorlagen ausdrücklich auf einen bestimmten Ort Bezug genommen wird. Auf der Bildpostkarte zu dem Lied »An der Saale hellem Strande« (2_1_1-008), welches auf der Rudelsburg bei Saaleck entstanden ist, sind die zwei beherrschenden Burgen des Saaletals hinsichtlich ihrer geographischen Details genau wiedergegeben. Den von Viktor von Scheffel verfassten Text des Volksliedes »Alt-Heidelberg du feine« illustrierte Hey durch die Wiedergabe einer idyllischen Bootsfahrt auf dem Neckar vor der Kulisse der Alten Brücke und des höher gelegenen Schlosses (2_1_1-004m). Alt-Heidelberg bringt dabei die malerische Vorliebe Heys für Städte mit einem unberührten und erhaltenen »altdeutschen« Stadtbild zum Ausdruck.

Paul Hey bewegt sich hinsichtlich seiner Motive innerhalb der typischen Idyllikvorstellungen des behaglichen Biedermeiers und der Romantik. Der für die Biedermeierzeit charakteristische Rückzug aus der politischen Öffentlichkeit in das Private zeigt sich in den zahlreich dargestellten kleinen, familiären Personengruppen (2_1_1-009, -031km). Thematische Anregungen für seine Motive fand Hey bei den Hauptvertretern des Biedermeiers Ludwig Richter (1803-1884) und Carl Spitzweg (1808-1885), wenngleich die malerische Umsetzung sich doch erheblich unterscheidet.
Heys Bilder zeigen zudem Anleihen an Bilder des romantischen Malers Caspar David Friedrich (1774-1840). Die für Friedrich so typische Rückenfigur findet sich auch bei Paul Hey (2_1_1-058, -066) und lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters aus dem Nahbereich in die Ferne. Sie erweist sich obendrein als Metapher für menschliche Gemütszustände, mit denen sich der Betrachter identifizieren kann. Die Sehnsucht nach der Ferne gehört allgemein zu den beliebten Sujets deutscher romantischer Bildkunst. Auch die Hinwendung zum Mittelalter, zum Märchen, zur Sage und zum Volkslied ist Kennzeichen der deutschen Romantik.

Viele Zeitgenossen Paul Heys empfanden seine Bilder als perfekte malerische Umsetzung »des deutschen Gemüts«. Ein Umstand, der sich auch pädagogisch nutzen ließ: Für den »Verein für das Deutschtum im Ausland« waren „die kerndeutschen, volkstümlichen Kartenbilder […] ein wertvolles erzieherisches Hilfsmittel für die Jugend“ und zugleich „ein prächtiger vaterländischer Wandschmuck für Klassenzimmer und Schulkorridore“ (Zit. n. RAFFELSBAUER 2007, Bd. 1, S. 473f.). 1919 kauften Schulen in ganz Deutschland nach einem einzigen Werbeaufruf des Vereins mehr als 110.000 Volksliederkarten mit Motiven von Hey.

Während der NS-Zeit erteilte die »Reichskulturkammer der bildenden Künste« Paul Hey eine Sondergenehmigung für die Berufsausübung, obwohl er durch seine jüdische Mutter als »Halbjude« eingestuft wurde. Er konnte relativ unbehelligt in seinem Wohnort Gauting bei München weiterarbeiten, da sich seine als »typisch deutsch« geltenden Auftragsarbeiten für den »Verein für das Deutschtum im Ausland« im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie und Propaganda verwerten ließen. Die Duldung durch das NS-Regime bezog sich allein auf seine Person. Heys Bruder sowie sein Sohn mussten 1939 emigrieren. Nach dem Krieg gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Ortsvereins Gauting der SPD. Hey verstarb im Jahr 1952 kurz vor seinem 85. Geburtstag.

(Edin Mujkanović)



Literatur:

MOSER, Dietz-Rüdiger: Paul Hey – der Maler heiler Märchenwelten. Zu seinem 50. Todestag am 14. Oktober 2002. In: Literatur in Bayern 70, 2001, S. 48-64.

RAFFELSBAUER, Carolin: Paul Hey – der Maler heiler Welten. Eine kultur- und literaturgeschichtliche Untersuchung zur illustrativen Gebrauchskunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 2 Bände. München: Herbert Utz Verlag, 2007.

Kategorie Alben Bilder
2.1.1.1 "Unsere Feldgrauen" 1 20

2.1.1 Bildpostkarten



122 Bilder, letzte Aktualisierung am 20.Februar 2015